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Struktur in den Content!

Scoopcamp 2013: Journalism meets code meets design meets future

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Die Zukunft des Journalismus liegt auf der Straße – konkret: auf der Reeperbahn in Hamburg. Dort haben sich am Freitag an die 300 digitalaffine Journalisten und an Medien interessierte Entwickler getroffen, um zu überlegen, wo die Reise hingeht und wo vielleicht das nächste große Ding zu suchen ist. Das Scoopcamp 2013 nahm die Teilnehmer in einer kreativen Atmosphäre mit klugen Gedanken auf.

  • Gedanke 1: Der investigative Journalismus hat seinen idealen Ort vielleicht eher in engagierten  Nichtregierungsorganisationen als in traditionellen Medienhäusern.

Diese These entwickelt Charles Lewis, Journalist und Wissenschaftler mit Titeln, die es so klangvoll wohl nur in den USA gibt: Professor and Founding Executive Editor of the Investigative Reporting Workshop at the American University School of Communication in Washington sowie Founder of the Center for Public Integrity. Er fragt, ob Journalisten überhaupt noch die Zeit und die Mittel bekommen, um notwendige Recherchen zu betreiben. Und ob sie sich gegen die Übermacht von PR-Einflüssen behaupten können. Seine These: Die besten Recherchen zu Verletzungen von Menschenrechten kommen nicht von Medien sondern von Human Rights Watch. NGOs hätten zwar ihre eigene Agenda, aber eben auch ausreichend Mittel für investigative Erkundungen. Chuck Lewis plädiert für ein enges Zusammenspiel von Medien mit Non-Profit-Organisationen und für das Crowdsourcing in der Recherche: Journalisten sollten mehr Miteinander ausprobieren und Leser mit einbeziehen.

  • Gedanke 2: Journalisten sind keine Autoren mehr, sie integrieren ihr Publikum in der eigenen kreativen Arbeit.

Das ist nun kein ganz neuer Gedanke, aber Nicholas White, Gründer und Chef der Online-Zeitung The Daily Dot führt ihn besonders anschaulich aus:

Journalists don’t own their product anymore – there is the expectation online that people can participate in content in an active way. 

Und eine Geschichte ist nie fertig, die Leser entwickeln sie auf ihre Weise weiter, mit ihren Reaktionen und Ergänzungen – und in unterschiedlichen Kanälen. Das kann dann auch in ein transmediales Storytelling fließen: Unterschiedliche Medien werden hier so miteinander verknüpft, dass sich die Lese-, Hör-, Seh- und sonstigen Erfahrungen ergänzen. Das lineare Erzählen wird dabei tendenziell aufgehoben, der einzelne Artikel als journalistisch abgegrenztes Format verliert seine zentrale Stellung. Den Printmedien gibt White noch acht bis zehn Jahre Zeit – zum Umstellen oder zum Verschwinden. Sein Daily Dot soll im nächsten Jahr profitabel werden und:

there is a model for real money to be mady in online journalism by concentrating on premium content. 

  • Gedanke 3: Die Leistungsfähigkeit einer CPU wird bislang nur unzureichend für journalistische Kommunikation verwendet.

Print sei tot, und totes Holz allenfalls dafür geeignet, um als iPad-Ständer zu dienen, meint Tomas Rawlings aus Bristol. Wenn aber Zeitungen ein ePaper aufs Tablet bringen, nutzen sie die interaktiven Möglichkeiten des Prozessors kaum aus. Anders ist das bei den Computerspielen von Rawlings bei Game the News: NarcoGuerra, Endgame: Syria und CowCrusher vermitteln aktuelle Nachrichteninhalte auf eine Weise, die manche verstört. Aber Rawlings sagt dazu:

the assumption that game equals fun is absolutely not the case. 

Es gehe darum, die Sprache von Computerspielen zu verstehen und in eine News Story zu bringen, sagt Rawlings. Auf diesem Weg der Gamification will er auch mit Nachrichtenanbietern zusammenarbeiten.

  • Gedanke 4: Für “agilen Journalismus” gibt es noch weitere Wege als Storify und Scribble Live.

Das Konzept der agilen Software-Entwicklung lässt sich vielleicht als quick and clean beschreiben. Es geht um schnelle Lösungen, die flexibel, mit geringem Aufwand und in enger Abstimmung mit den Bedürfnissen der Anwender ans Ziel kommt. Das hat eine Gruppe im Hackathon-Wettbewerb des Scoopcamps auf den Journalismus übertragen. Fünf Medienmenschen und Entwickler von ThoughtWorks fanden sich am Tag vor der Konferenz zusammen, um auf die Schnelle eine gemeinsame Anwendung zu entwickeln: LiquidPub verbindet journalistische Erzählweisen mit denen von anderen Menschen im Netz. Die mit Ruby entwickelte Anwendung stellt zwei Handlungsstränge nebeneinander, um aus verschiedenen Perspektiven über ein Ereignis zu berichten. Das erinnert an Storify und das unter anderem von dpa getestete Live-Blogging-Tool Scribble Live, bietet aber vielleicht flexiblere Möglichkeiten, in ein bestehendes Portal eingebettet zu werden.

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Ob die neuen Ideen irgendwann einmal zum journalistischen Alltag werden, hängt allerdings auch von den Leuten ab, die darüber entscheiden sollen.

  • Gedanke 5:  Journalismus braucht statt starrer Strukturen Freiraum zum Ausprobieren.

Diesen Gedanken einzubringen, blieb Michael Maness vorbehalten, der bei der Knight Foundation ein Programm zu Journalismus und Medieninnovation leitet.

The biggest problem of the news industry is the lack of transformational leadership that takes risks, that is not afraid of failures. 

Wenn Maness diesen Befund in den USA entwickelt hat, was würde er dann wohl bei genauerer Kenntnis der hiesigen Redaktionsführungen sagen? Als abschreckendes Beispiel für journalistisches Arbeiten warf er die routiniert wirkende Beschreibung eines Baseball-Spiels an die Wand. Den fragenden Blicken im Publikum antwortete er: Diese Geschichte wurde von einem Roboter geschrieben – von solcher Art von Texten sollten Sie sich lossagen. Überholt ist für Maness der Allround-Journalismus, der in allen Themen unterwegs ist. Positive Gegenbeispiele seien das Scotus-Blog zum Obersten Gerichtshof der USA und der Blick von Andy Carvin vom National Public Radio (NPR) auf den Bürgerkrieg in Syrien. Dessen Art der Twitter-Nutzung sei ein Beispiel dafür, dass Soziale Medien alles andere als lediglich Marketing-Tools seien.

In einem der anschließenden Workshops stellte Scoopcamp-Mitveranstalter dpa sein Newslab vor: Dessen jüngste Entwicklung ist die Darstellung von News-Content in einzelnen Timeline-Spalten, umgesetzt mit JavaScript, der HTML5-Technik SSE und dem Datenformat JSON.

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2 Responses to Scoopcamp 2013: Journalism meets code meets design meets future

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